Nachhaltigkeit auf den Finanzmärkten und Grünes Geld

Weltweit ist eine neue Wirtschaftsordnung mit einer neuen finanziellen Infrastruktur zur Wertschätzung und zum Schutz unserer sozialen und ökologischen Systeme im Entstehen.

Hintergrund

Jahrtausendelang musste sich das Geld den Religionen und der Ethik beugen. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten Jahrzehnten fast umgekehrt.

Grundsätzlich ist der Finanzsektor ein Subsystem in einer Volkswirtschaft, um Mittel für Konsum und Investitionen bereit zu stellen. Tatsächlich hat der Finanzsektor eine vorherrschende Stellung über andere volkswirtschaftliche Sektoren eingenommen und diktiert die Regeln. Geld wurde immer mehr vom Mittel zum Zweck und Kapitalgesellschaften wurden zu wichtigen GestalterInnen der Wirtschaft (vorrangiges Ziel eines kurzfristigen "Shareholder-Values“). DieVermögenskonzentration und damit die Ungleichheit zwischen Arm und Reich sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in den Industrienationen deutlich gestiegen.

Durch nicht-nachhaltiges Wirtschaften mit möglichst hoher Rendite als Ziel wird so vielfach die weltweite Zerstörung von Lebensqualität, Lebensgrundlagen und Gemeinschaft beschleunigt, durch die Zunahme der Ungleichheit werden zugleich Demokratie und Wirtschaft bedroht.

Nachhaltige Finanzmärkte

Zunehmend findet - u.a. ausgelöst durch die Finanzkrise 2008 - weltweit ein Umdenken statt: Geld und die Finanzmärkte sollen wieder der realen Wirtschaft - innerhalb der ökologischen Grenzen - und einem guten Leben für möglichst alle Menschen dienen.

Demnach soll der Finanzsektor Kapital und Finanzdienstleistungen für produktive Zwecke bereit stellen. Gewinne sollen dabei nicht auf Kosten der Gesellschaft gehen, ebensowenig dürfen die Risiken von Krediten der Finanzwirtschaft auf die Gesellschaft übertragen werden. Das Ziel besteht letztlich darin, dass die Realwirtschaft Kapital und Finanzdienstleistungen nachhaltig, gerecht und transparent erhält. In diesem Sinn setzt sich z.B. die Organisation "Finance Watch" auf europäischer Ebene für eine Finanzindustrie, "die der Gesellschaft dient", ein. "Green Budget Europe" vereinigt ExpertInnen aus Politik, internationalen Organisationen, Wirtschaft, Wissenschaft und aus der Zivilgesellschaft, um eine nachhaltige fiskalischen Konsolidierung und Steuerreform in der EU zu fördern.

Im Sinne eines "Grünen New Deals" und einer "Grünen Wirtschaft" gibt es einen enormen Finanzierungsbedarf für ökologische Projekte (z.B. Klimaschutz/Erneuerbare Energien) und im sozialen Bereich. Zudem bedarf es einer durchdachten, langfristig orientierten Neuordnung der Finanzmärkte und einem Ausgleich zwischen Arm und Reich - auch global.

Initiativen von ethisch-ökologischen Banken in Südtirol, Deutschland und der Schweiz zeigen schon länger - und mittlerweile auch in Österreich - vorbildlich und allgemein transparent nachvollziehbar, dass durch verantwortungsvolles Handeln im Finanzsektor nachhaltige Entwicklung ermöglicht wird. Mit geeigneten Produkten, Krediten und Maßnahmen fördern sie unter anderem die regionale Entwicklung und kulturelle Initiativen sowie ökologischen Landbau und Entwicklungshilfeprojekte und verringern soziale Ungerechtigkeiten, gerade weil nicht das Renditedenken im Vordergrund steht.

Grünes Geld

Nun steigen seit einigen Jahren auch in Österreich das Interesse an ethisch-ökologischen Geldanlagen, so genanntem "Grünen Geld“ und es entsteht gleichzeitig ein kritisches Bewusstsein gegenüber "Greenwashing".

Unter ethischem Investment versteht man Geldanlagen, die neben Renditekriterien auch ethische Wertvorstellungen des Anlegers berücksichtigen. "Nachhaltige Geldanlagen" ist die allgemeine Bezeichnung für nachhaltiges, verantwortliches, ethisches, soziales, ökologisches Investment und alle anderen Anlageprozesse, die in ihre Finanzanalyse den Einfluss von ESG (Umwelt, Soziales und Governance)-Kriterien einbeziehen. Oft wird auch von ökologischem und sozial verantwortlichem Investment gesprochen (englisch: socially responsible investment, SRI).

Die Nachhaltigen Geldanlagen in Österreich erreichten zum Ende des Jahres 2014 mit 9,5 Mrd. Euro bereits zum fünften Mal in Folge einen absoluten Höchststand. Das entspricht einem Wachstum von 33% im Vergleich zum Vorjahr. Ein starkes Wachstum verzeichnete auch die Strategie des "Impact Investings", wobei neben dem finanziellen Ertrag auch sozial und ökologisch eine direkte Wirkung entfaltet werden soll. 

Initiativen in Österreich

Die Alternativbanken in Österreich sind vorwiegend kirchlichen Ursprungs. Mit dem Umweltcenter der Raiffeisenbank Gunskirchen eGen gibt es nun auch in Österreich eine nachhaltige Bank, die ausschließlich ökologisch und sozial sinnvolle Projekte finanziert. Sie wurde im September 2015 mit dem victor Award als drittbeste Bank in der Kategorie Nachhaltigkeit im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet - nach der Steyler Ethik Bank und der GLS Bank.

Das BMLFUW setzt sich seit über 10 Jahren im Rahmen einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik für nachhaltige Finanzmärkte ein. Im Rahmen der Initiative „Wachstum im Wandel“ werden geeignete Lösungen für nachhaltiges Wirtschaften auch im Finanzbereich diskutiert und erarbeitet.

Auch NGOs und institutionelle InvestorInnen setzen sich schon seit über 10 Jahren für mehr Nachhaltigkeit im Finanzsektor in Österreich ein. Das BMLFUW unterstützt seit 2002 Aktivitäten der ÖGUT - Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik im Bereich "Grünes Geld", um den Bereich der ethisch-ökologischen Veranlagung in Österreich zu stärken und damit zu einem nachhaltigen Finanzmarkt in Österreich beizutragen (u.a. freiwillige Nachhaltigkeitsprüfung von österreichischen Betrieblichen Vorsorgekassen und Pensionskassen, Umweltzeichen Nachhaltige Finanzprodukte).

Das Österreichische Umweltzeichen für Nachhaltige Finanzprodukte (Richtlinie UZ 49) hilft bei der Auswahl von Anlagemöglichkeiten nach ökologischen und ethisch-sozialen Gesichtspunkten. Die Auswahlkriterien für Umweltzeichen-Fonds sind klar definiert und werden von fondsinternen Einrichtungen oder externen Organisationen überprüft.

Crowdfunding/-investing und BürgerInnenbeteiligungen

gewinnen auch in Österreich an Interesse und Bedeutung als alternative Unternehmensfinanzierungsformen, insbesondere im Umwelt- und Klimaschutz (Stichwort: Energiewende) sowie im Kulturbereich.

Am deutlichsten ist der Bewusstseinswandel hin zu einer neuen dezentralen/regionalen und erneuerbaren Energiekultur sicherlich angesichts der übergroßen Nachfrage nach Beteiligungen an BürgerInnen-Kraftwerken.

Regionalgeld/ Komplementärwährungen

Seit den 1990er Jahren wurden weltweit zahlreiche Komplementärwährungen geschaffen, mit denen Menschen in ökonomisch schwachen Regionen ihre Wirtschaft beleben und stabilisieren und sich von äußeren Geldgebern unabhängig machen (wollen).
 

Regiogeld-Initiativen tragen zunehmend auch in Österreich zur wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit und zur Resilienz im Finanzbereich bei - als Ergänzung des bestehenden Geld- und Wirtschaftssystems.

Tauschkreise wirken außerhalb des Geldsystems. Sie basieren auf Solidarität und Eigenverantwortung der TeilnehmerInnen. Einzelne Menschen können ihre Fähigkeiten und Talente in ein Tauschkreis-Netzwerk einbringen und sie auf diese Weise mit anderen teilen.

Eine besondere Anwendungsform fand man im oberösterreichischen Lengau. Mit einem Konto bei der "Zeitbank" werden AsylwerberInnen in den Ort integriert und gleichzeitig wird damit auch Einheimischen geholfen.

Divestment

Das Thema Divestment wird aus Klimaschutzgründen auch in Österreich immer wichtiger. Es geht dabei um Des-Investitionen, d.h. das Abziehen von Vermögen aus Veranlagungen in fossile Energieträger. Nimmt man das 2-Grad-Ziel ernst, müssen mindestens zwei Drittel der nachgewiesenen fossilen Reserven (Kohle, Erdöl und Erdgas) im Boden bleiben.

Vollgeld

Die Diskussionen um Vollgeld beschäftigen sich mit einer grundlegenden Änderung betreffend die Geldschöpfung - durch den Staat anstelle von Banken - um den Wachstumszwang in unserem Wirtschaftssystem hintanzuhalten.

Aussicht

Die wachstumskritische amerikanische Zukunftsforscherin Hazel Henderson beschrieb das Leben als einen Kuchen mit drei Schichten: Natur, Eigenarbeit und Geldwirtschaft. Alles bedinge einander, das Geld stehe nicht über allem. Wächst nur die Geldschicht, erodieren die anderen Schichten, alles muss in Balance sein (K. Simma).

Veröffentlicht am 20.11.2015, Abteilung I/2 - Energie- und Wirtschaftspolitik