Rekordsommer lässt die Gletscher schmelzen

Die Langzeitmessreihe am Stubacher Sonnblickkees, in der Granatspitzgruppe der Hohen Tauern, dokumentiert eindrücklich die Auswirkung der globalen Klimaänderung.

Kontinuierliche Beobachtungen dokumentieren extreme Veränderungen

Der aktuell ca. 1 km² große, ostexponierte Hanggletscher - Stubacher Sonnblickkees - erstreckt sich zwischen 3000 und 2650 m Seehöhe. Seit dem Haushaltsjahr 1963/64 wird vom Hydrographischen Dienst Salzburg in Zusammenarbeit mit Prof. Heinz Slupetzky (Universität Salzburg) jährlich die „Massenbilanz“ ermittelt.

Basierend auf dem heutigen Wissen um die Ausaperungsprozesse konnten zusätzlich die Massenbilanzen früherer Jahre rekonstruiert und die Reihe bis 1946 verlängert (Slupetzky 2014) werden.

Die vom BMLFUW Abteilung IV/4 - Wasserhaushalt finanziell unterstütze Messreihe am Stubacher Sonnblickkees gehört heute zu den längsten in Österreich und zu den zwei Dutzend ununterbrochenen Reihen weltweit.

Fast durchwegs Gletscherschwund in den letzten 30 Jahren.

In den bisher 51 seit 1964 „gemessenen Jahren“ waren 20 Haushaltsjahre positiv und 31 negativ, seit 1981 jedoch endeten von den 33 Haushaltsjahren 27 negativ und nur 6 positiv (siehe Bild 1 der Bildgalerie). Der bisherige „Rekordverlust“ betrug im Jahr 2003 rund 4 Mio m³ (entspricht einer spezifischen Bilanz b = -287 g/cm²).

Im Zeitraum 1965 bis 1981 nahm das Stubacher Sonnblickkees noch rund 9,9 Mio m³ an Masse zu und stieß um 17,3 m vor, im Zeitraum 1982 bis 2014 hingegen schmolzen ca. 33,5 Mio m³ Eis ab. Im gleichen Zeitraum verlor der Gletscher 610 m an Länge, aufgrund der komplexen Geländestruktur entstanden ein ausgeprägter „Toteisbereich“ sowie ein neuer See im Bereich des Unteren Bodens (H. Wiesenegger und H. Slupetzky Der „Untere Eisboden See“ – Entstehung eines neuen Gletschersees beim Stubacher Sonnblickkees  in Mitteilungsblatt des Hydrographischen Dienstes in Österreich Nr. 86; Wien 2009)

Die Massenbilanz des Stubacher Sonnblickkees wird von Heinz Slupetzky seit 1981 „indirekt“ aus dem Flächenverhältnis Sc/S (Akkumulationsgebiet zu Gesamtgletscherfläche) ermittelt. Die dafür erforderliche Beziehung wurde aus den davor durchgeführten direkten Massenbilanzmessungen (1964-1980) gewonnen.

Automatische Kameras dokumentieren den Rückzug

Aus dem Größenverhältnis der noch mit Schnee bedeckt Fläche zur eisfreien Fläche kann aufgrund jahrzehntelanger Messungen die momentane Massenbilanz abgeschätzt werden. Ab etwa 20. August bis Mitte Oktober wird dazu der Verlauf der Ausaperung durch Fotos und Kartierungen erfasst, seit 2013 werden dazu vom Hydrographischen Dienst Salzburg auch automatische Kameras am Vorgipfel des Hochfillecks sowie im Nahbereich des Schaffelkogelsees verwendet.

Die Hitzeperioden im Sommer 2015 beschleunigten den Abschmelzprozess.

Der wärmste Juli der 248-jährigen Messgeschichte (Quelle: ZAMG) mit zwei markanten Hitzewellen bewirkte, dass der Vorrat an Winterschnee am Stubacher Sonnblickkees stark angegriffen wurde.

Fehlt erst einmal die schützende reflektierende Schneehülle und kommt dadurch das dunklere Eis zum Vorschein, werden die Sonnenstrahlen nur noch schlecht reflektiert, der Gletscher schmilzt rascher und verliert täglich an Eissubstanz. Ende Juli 2015 lag bereits ein Ausaperungsstadium vor, das im Jahr 2014 (leicht positive Massenbilanz) erst Ende September auftrat.

Auch im August 2015 keine Unterbrechung der Gletscherschmelze.

Dem wärmsten Juli folgte der viertwärmste August der Messgeschichte (Quelle: ZAMG) ohne markante Schlechtwettereinbrüche mit Neuschneee am Gletscher, die Abschmelzung ging fast ungebremst weiter. Im Akkumulationsgebiet (Nährgebiet) des Stubacher Sonnblickkees sind nur noch wenige Altschneeflecken erkennbar, aber auch die Firnreste aus dem Vorjahr sind nur mehr spärlich vorhanden (Die Bilder 2 bis 4 der Galerie zeigen zum Vergleich Aufnahmen vom 20. Juli 2014, 22. Juli 2015 und 27. August 2015).

Die aktuelle (Stand Ende August) Massenbilanz am Stubacher Sonnblickkees fällt daher mit B = -2,06 Mio m³ (spezifische Bilanz b = -220g/cm²) schon jetzt deutlich negativ aus. Welche Position die Massenbilanz 2015 in der langen Reihe einnehmen wird, ist von der weiteren Wetterentwicklung im September und insbesondere von etwaigen Kälteeinbrüchen (üblicherweise Anfang September) abhängig.

Allerdings hat sich das Stubacher Sonnblickkees den neuen klimatischen Bedingungen schon teilweise angepasst und seine Fläche (0,934 km²) gegenüber 2003 (1,4 km²) deutlich verkleinert, sodass ein Erreichen des Rekordverlustes von 2003 eher unwahrscheinlich ist.

Das Ende der Gletscherwelt ist absehbar

Geht die Veränderung des Klimas so wie bisher weiter und verliert das Stubacher Sonnblickkees im Schnitt rund 1 Mio m³ Eis pro Jahr, wird das Stubacher Sonnblickkees in ca. 30 – 40 Jahren fast komplett verschwunden sein.

Zur Wiederherstellung des maximalen Gletscherstandes der jüngeren Geschichte (1850) wären 2 bis 3 Jahrhunderte mit regnerischen, kühlen Sommern und schneereichen Wintern erforderlich - ein ziemlich unrealistisches und zugleich unfreundliches Szenario.

Der Hydrographische Dienst Salzburg hat daher im Jahr 2012 parallel zur Massenbilanz am Stubacher Sonnblickkees Beobachtungen am ca. 2,2 km² großen aber deutlich höher gelegenen Venedigerkees (ca. 3400 m. ü. A.) beauftragt.

Die Messungen werden am Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung an der Österr. Akademie der Wissenschaften mit Unterstützung des BMLFUW, Abteilung IV/4 - Wasserhaushalt mittels direkter glaziologischer Methode durchgeführt. Zusätzlich werden auch hier automatische Kameras zur Aufzeichnung des zeitlichen Verlaufs der Schneedecke für die indirekte Bestimmung der Massenbilanz verwendet.

Autor: DI Hans Wiesenegger, Hydrografie Land Salzburg

Veröffentlicht am 01.09.2015, Abteilung IV/4 - Wasserhaushalt